Wir leben in einem Märchen.
Einem realen, oder genauer gesagt, einem virtuellen, in dem jeder werden kann, was er will. Nach der Quantenphysik sind wir es, die nun Zeitzeugen einer Realität mit unzähligen Möglichkeiten sind. Mehr noch: Wir sind an deren Verwirklichung aktiv beteiligt.
Im Internet zu leben ist heutzutage wie in den eigenen vier Wänden.
Besonders auf sozialen Medien machen wir es uns gemütlich. Dort nehmen wir unser (Online-)Schicksal vollständig in die Hand und ziehen verschiedene Persönlichkeiten an, wie Kleider, und gucken, welche uns am besten gefällt. Im Gegensatz zu Kleidung besteht keine Gefahr, komisch und kichernd auszusehen. Jede Minute erschaffen wir die Person, die wir sein wollen. Äußerlich können wir so aussehen, wie wir wollen – die zahlreichen Beauty-Applikationen lassen uns wie Holiwood-Stars erscheinen. Wir können uns aber auch in die Lage von jedermann versetzen, der wir gerne sein wollen.
Willst du ein Schauspieler sein?

Dazu muss man nicht nach Holywood gehen, Stanislawsky lesen oder Schauspielkunst studieren. Nimm einfach dein Handy, dreh einen Clip und lade ihn auf YouTube hoch. Millionen von Dollarscheinen werden nicht auf dein Konto fließen, aber du kannst sehr wohl eines Tages Millionen von Likes bekommen.
Warum nicht mal ein moderner Schreiberling werden?
Finger auf der Tastatur und einfach nur fluchen. Bevor du gebannt wirst, wenn überhaupt, wirst du hunderte von Kommentaren, Likes und Shares bekommen. Du wirst dich sicherlich wie ein Bukowsky in seiner Höchstform fühlen.
Warum nicht auch mal Gedichte ausprobieren? Einfach ein paar Worte zusammensetzen und schon hast du das Selbstbewusstsein eines Nobelpreisträgers. Es ist doch so einfach, nur schlichte Worte, achte nur darauf, jedes fünfte auf eine neue Zeile zu setzen. Es wird viele Leser und Bewunderer geben, die dir sagen werden, wie talentiert du bist.
Soziale Medien kann wirklich alles aus jedem machen.
Man muss es sich nur wünschen und loslegen. Letztendlich sind wir alle nur Menschen, sogar Einstein! Jeder kann das sein, was er will – die virtuelle Realität bietet unerschöpfliche Möglichkeiten. Eigentlich kann Virtualität selbst nur eine Domäne zum Agieren bieten, aber was wesentlichen wichtig ist, ist genau das Publikum dort. So viele Menschen leben online, bereit alles anzunehmen, was sie amüsiert! Also unterhalte sie einfach und schon wirst du ein Star!
Wie soll man also die im Netz gemachten Menschen nehmen?

Sollen sie verspottet oder kritisiert werden, soll ihr glorreiches Ego, das mangelndes Talent ersetzt, bloßgestellt werden? Oder lässt man sie, angelockt von der Vielfalt dieser Eitelkeit-messe, einfach in Ruhe? Anstatt Personen zu richten, richten wir lieber die Definitionen. Sie können recht flexibel sein und werfen eher Fragen auf, als Antworten zu geben.
Schauen wir uns diese an und definieren, was Kunst eigentlich ist.
Das Wort für Kunst bedeutet in den meisten Sprachen nur etwas, das ein Mensch selbst gemacht hat, was nicht von Gott geschaffen wurde. Die ersten Spuren von Kunst finden sich, wie wir alle wissen, in Höhlen – den Häusern der prähistorischen Menschen. Unsere Vorfahren liebten es, überall Kunst zu produzieren. Sie zeichneten, sangen, erzählten Geschichten. Sind wir uns sicher, was ihr endgültiges Ziel war?
Jedenfalls ist das niemand.
Wahrscheinlich wollten sie einfach nur ihre Abdrücke hinterlassen. Manche hinterließen ihre Handabdrücke ganz wörtlich an den Wänden ihrer Höhlen. Wir nennen das auch Kunst. Mehr noch, heute machen wir genau das Gleiche – kritzeln auf unsere virtuellen Wände, egal was und wie.

Das scheint in gewissem Sinne die beste Definition von Kunst zu sein –
– ein Weg, um bemerkt zu werden, herauszustechen, zu bleiben, nachdem man schon lange weg ist. Alles andere sind nur die Qualifikationen und Paradigmen, die unser Verstand zu bauen gelernt hat. Doch die Natur verachtet die Leere. Genauso wie die virtuelle Realität.





